History repeating…repeating…repeating

Black Workers Movement

Manche Auseinandersetzungen sind anstrengend, weil sie so geschichtsvergessen daherkommen. Und deshalb schreibt man alle paar Jahre ähnliche Sachen. So geht es mir im Moment, sobald ich einen Text des Ideenhistorikers Mark Lilla lese. Seitdem Trump zum US-Präsidenten gewählt wurde und dabei aufgrund des Wahlsystems der USA ein paar Rust-Belt-Wahlkreise mit enttäuschten Ex-Wählern der Demokraten eine entscheidende Rolle gespielt haben, wird Lilla öfter nach seiner Meinung gefragt. Denn Lilla hat ein Thema, das Linksradikale und Rechts-Populisten vereint: Er ist Gegner von „Identitätspolitik“.

Die Identitätspolitik hat einzig bewirkt, dass die Konservativen unsere Institutionen immer fester im Griff haben. Es wäre höchste Zeit, dass die Linksliberalen eine Spitzkehre machen und sich wieder zu ihren Kernprinzipien bekennen: Solidarität und gleiche Chancen für alle. Nie hat das Land dies mehr gebraucht.

Das stand letzte Woche in der NZZ und es klingt ja erstmal nicht unvernünftig: Studierende artikulieren Erfahrungen, die sie aufgrund ihrer ethnischen Herkunft, ihrer Sexualität oder ihres Geschlechts machen als individuelle Erfahrungen und nicht als Erfahrungen einer Gruppe, die den Erfahrungen anderer marginalisierter Gruppen eventuell ähnlich sein könnten. Genau das sei der neoliberale Trick und damit ist Lilla gar nicht so weit entfernt von dem, was Mark Fisher vor ein paar Jahren als „Vampire Castle“ bezeichnet hat:

Capital subdued the organised working class by decomposing class consciousness, viciously subjugating trade unions while seducing ‘hard working families’ into identifying with their own narrowly defined interests instead of the interests of the wider class; but why would capital be concerned about a ‘left’ that replaces class politics with a moralising individualism, and that, far from building solidarity, spreads fear and insecurity?

Das Problem mit Lillas Argumentation scheint mir aber ihre Auflösung zu sein. Fisher identifiziert Identitätspolitik immerhin noch als „bourgeois mode of identification“, bei Lilla ist es nur noch ein Verlust von „Bürgersinn, Solidarität und Gemeinwohl“. Und so ähnlich liest sich dann auch seine Alternative:

Um Reagans Herausforderung zu begegnen, hätten wir Linksliberalen eine ehrgeizige neue Vision für Amerika und seine Zukunft entwickeln müssen – eine, die Menschen aus allen Bevölkerungsschichten und allen Landesteilen erneut als Bürger zusammengeführt hätte. Stattdessen rieben wir uns im Nullsummenspiel der Identitätspolitik auf und verloren den Sinn für das, was uns alle zur Nation eint. (Meine Hervorhebung)

„Das, was uns alle zur Nation eint“ — ein neuer Patriotismus also. Reagans und Trumps Anrufung der Amerikaner als Amerikaner wird dadurch zusammengehalten, dass alle Amerikaner „Unternehmer ihres Selbst“ sind. Lillas Alternative ist ein Amerika, in der nicht Kid Rock und „The Apprentice“ den Rahmen der amerikanischen Subjektivität bestimmen, sondern der sozialdemokratische Rock von Bruce Springsteen und „The West Wing“.

Dieser Mangel an Vorstellungskraft zeigt sich auch dann, wenn Lilla über rassistische Erfahrungen spricht:

Black Lives Matter ist ein Paradebeispiel dafür, wie man Solidarität zerstört statt aufbaut. Die Bewegung hatte die Misshandlung von Afroamerikanern durch die Polizei angeprangert: Das war ein Weckruf für jeden Amerikaner, der ein Gewissen in sich trägt. Aber als die Bewegung diese Misshandlungen zur Basis einer grundsätzlichen Anklage gegen die amerikanische Gesellschaft machte und öffentliche Beicht- und Bussrituale zu fordern begann, spielte sie damit lediglich den Republikanern in die Hände. Ich bin kein dunkelhäutiger Autofahrer, und ich werde nie wissen, wie er sich am Steuer fühlt. Umso wichtiger wäre es, dass ich mich auf irgendeine Weise mit diesen Menschen identifizieren kann; und die Tatsache, dass wir beide amerikanische Bürger sind, ist das Einzige, was wir mit Sicherheit gemeinsam haben.

Hier zeigt sich die Lücke in Lillas Argumentation: Er spricht nicht über die Klassenstruktur Amerikas und wie diese mit rassistischen Erfahrungen zusammenhängt, sondern Rassismus ist für ihn eine private Erfahrung im semi-privaten Raum: dem Auto. Diese Lücke hat er mit Walter Benn Michaels gemeinsam, der vor acht Jahren mit einer ähnlichen Polemik Diversity gegen den Klassenbegriff ausspielen wollte. Beide können aber nicht verstehen, dass ein Arbeitsplatz der primäre Ort rassistischer Erfahrung sein kann. Das war vor 50 Jahren bei den Detroit Riots schon so. Und das hat sich bis heute nur im Detail geändert.

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Der Blogumzug ist komplett, deshalb kurz was für die nähere Zukunft.

Die neue Ausgabe der testcard ist fertig und auch nach Weihnachten noch ein schönes Geschenk.

Wir stellen die Ausgabe vor:

11.01.2015     Düsseldorf    Kunstverein (schon um 16.30 Uhr, dafür mit Kaffee und Kuchen)

15.01.2015     Leipzig          Schauspiel/Baustelle

16.01.2015    Köln               Gold + Beton

07.02.2015     Marburg        Trauma

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Just a position?

Also drücken sie aufs Gaspedal, die Akzelerationisten, um der tatsächlichen Zerstörung rasch näher zu kommen, die erst das Neue ermöglicht. (SpOn)

Dass die Beschleunigungsdenker von der Logik der Libido etwas verstehen, zeigt sich schon darin, wie sie den Akzelerationismus als hippe philosophische Jugendbewegung verkaufen. Mit dem Kapitalismus gegen den Kapitalismus: Früher hieß eine solche Haltung wohl “strategische Affirmation”. Srnicek, Williams und Co. nehmen die Versprechen des Neoliberalismus ernst und wollen lieber nicht Attac-mäßig Sand im Getriebe sein, sondern Öl ins Feuer gießen. (taz)

Die Akzelerationisten hingegen denunzieren Demokratie als Störfaktor beziehungsweise als immer schon ideologische Maskerade. Dann doch lieber gleich Elitenpolitik von oben, was für eine Logik! (taz)

Und was steht im Manifest selbst?

Die ideologische Selbstdarstellung des neoliberalen Kapitalismus behauptet, dass er Kräfte kreativer Zerstörung entfesselt und so sich immer weiter beschleunigende technische und soziale Innovationen freisetzt. (…) Wir mögen uns vielleicht schnell bewegen, aber nur innerhalb eines streng definierten Sets stabiler kapitalistischer Parameter. Wir erleben nichts als die ansteigende Geschwindigkeit in einem beschränkten Horizont, ein simples, hirntotes Vorpreschen anstelle einer Beschleunigung, die auch navigiert, die ein experimenteller Entdeckungsprozess innerhalb eines allgemeinen Möglichkeitsraumes ist. Die letztere Form der Beschleunigung halten wir für die wesentliche. (…)

Wir geben keine bestimmte Organisation an, mit der sich diese Leitlinien in idealer Form umsetzen ließen. Was jetzt nötig ist – was immer schon nötig war – ist eine Ökologie der Organisationen, ein Pluralismus aus Kräften, die fortwährend aufeinander reagieren und sich gegenseitig verstärken. Sektiererei würde der Linken ebenso wie Zentralismus den Todesstoß versetzen. In diesem Sinn begrüßen wir weiterhin das Experimentieren mit verschiedenen Strategien (auch solchen, denen wir nicht zustimmen).

Hm. Vielleicht ist der schnelle Theoriekonsum nicht immer die beste Art der Auseinandersetzung…

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Eigentlich sollte an diese Stelle etwas über Marks Text über das Vampires Castle (blöder Ausdruck, btw). Aber ich mag darüber nicht mehr nachdenken. Es ist ja eh ein Abschiedsbrief gewesen.

Als Ersatz gibt es wieder K-Punk. Endlich.

Remember who the enemy is – a message, a hailing, an ethical demand that calls out through the screen to us …. that calls out to a collectivity that can only be built through class consciousness …. (And what has Collins achieved here if not an intersectional analysis and decoding of the way that class, gender, race and colonial power work together – not in the pious academic register of the Vampires’ Castle, but in the mythographic core of popular culture – functioning not as a delibidinizing demand for more thinking, more guilt, but as an inciting call to build new collectivities.)

»Privilegien« sind Rationalisierungen des Irrationalen, das letztlich Willkür und gerade deshalb nicht zählbar ist. The odds are never in our favour.

Berlin 15.Februar 2003 // Es ist kalt, aber wir haben Semesterferien. // Es wird viel gefilmt, offensichtlich waren DV-Kameras ein beliebtes Weihnachtsgeschenk. Ich habe Bücher bekommen. Gut, dass es damals noch kein YouTube gab. // Am SAV-Stand stehen noch die gleichen Gesichter wie in den Neunzigern und verkaufen die alten Rezeptsammlungen. // Als wir am Grab des unbekannten Soldaten vorbeigehen (“leerer Signifikant”, you know!), meint B. “Die DKP demonstriert heute nur, weil sie nochmal hier vorbeimarschieren dürfen.” Wir lachen. // Überhaupt ist die Stimmung gut, im Gegensatz zu den Uncle Sam-Kostümen der USA-Hasser um uns herum. // Die Freundin des HipHop-Fans aus Friedrichshain drückt uns einen Fragebogen in die Hand: Demonstrantenforschung, soso. // Ein Lautsprecherwagen unter den Linden spielt “Give peace a chance”, B. klatscht mit, später tanzt er mit ein paar Hippies auf einer Wiese beim Reichstag Ringelpiez. Wir stehen am Rand und freuen uns.

Django verkettet

Django Unchained ist der erste Tarantino seit Jackie Brown, den ich gesehen habe. Irgendwann wurde es mir einfach zu viel – für Tarantinos Gewaltdarstellungen bin ich zu zart besaitet, sein B-Movie-Zitat-…hm…Arsenal erschließt sich mir eh nicht. Auch bei Django fließt wieder viel Blut, besprenkelt den weißen Schnee, die weißen Baumwollbüschel und die weißgetünchten Wände von “Candieland”, der Plantage von Monsieur Candie, auf der Djangos Geliebte Broonhilda gefangengehalten wird. Das ist die Tarantino-Gewalt, die ich kenne: überzeichnet, mit Blutspritzern in Slow Motion, einem Spruch vor Betätigung des Abzugs und überzeichneten Posen.

Aber in Django gab es eine zweite Darstellung von Gewalt, der diese offensichtliche B-Movie-Haftigkeit total abging. Sie war brutal, grausam, fast schon sadistisch und fast immer sind die Sklaven diejenigen, die als Objekte dieser Form der Gewaltdarstellung herhalten müssen. Wenn Broonhilda ein “r” (für “Runaway”) auf die Wange gebrannt bekommt, zwei Sklaven im Salon von Monsieur Candie um ihr Leben kämpfen müssen oder der Sklave D’Artagnan bei einem Fluchtversuch von Hunden zerfetzt wird, wechselt Tarantino in einen realistischen Modus. (Ohne Christina Nords Artikel wäre mir das so nicht aufgefallen, merci!)

Besonders deutlich wurde mir das in der Szene, in der Jamie Foxx nach dem ersten Befreiungsversuch kopfüber und nackt in einem Schuppen hängt und ihm ein Aufseher die Genitalien mit einem glühenden Messer entfernen will. Zugegeben, mir fiel es schwer, Foxx’ durchtrainierten Körper mit ausgeprägten Bauchmuskeln und rasierter Schambehaarung als “Django” zu lesen anstatt als das Produkt eines zeitgenössischen Fitnessregimes – soviel zu der Frage, wie gut dieser “Realismus” funktioniert. Trotzdem scheint mir, dass Tarantino in Szenen wie dieser einen dominanten Blick eher verdoppelt anstatt ihn umzukehren. Stuart Hall hat in “The Spectacle of the Other” auf die Doppeldeutigkeit der Repräsentation von ‘Schwarzen’ (für Hall ein politischer Sammelbegriff) hingewiesen (ausführliche Argumentation hier zum Nachlesen). Der sexualisierte Blick auf den ‘schwarzen’ Körper führt zu abwertenden und gleichzeitig idealisierten Figuren – zum ‘Primitiven’ ebenso wie zum ‘Edlen Wilden’ und zum ‘Onkel Tom’. Und aus diesem Repräsentationsmodell kommt Tarantino nicht heraus, im Gegenteil, der gesamte Plot basiert darauf. Genau darin scheint mir das Problem von Django Unchained zu liegen und weniger im inflationären Gebrauch des N-Worts.

Das zeigt sich nicht nur in der Schlußszene, in der der ‘edle Wilde’ Django den ‘Uncle Tom’ Stephen in einem großen Finale in die Luft jagt (Ja, B-Movie-Gewalt!). Django verkörpert zwar die ‘poetic justice’ des Films, ist aber – im Gegensatz zur Figur von Christoph Waltz – dennoch durch Triebe anstatt durch Moral motiviert. Dass dieser ‘edle Wilde’ von Waltz auch erst in die Feinheiten des zugegebenermaßen wenig zivilisierten ‘weißen’ Zusammenlebens eingeführt, bzw. von diesem erst befreit werden muss, passt da gut ins Bild. Ganz im Gegensatz zu den historischen Sklavenaufständen, die (wie z.B. CLR James ausgeführt hat) durch eine nicht-intendierte, ‘richtige’ Adaption von republikanischen Idealen beeinflusst waren, benötigt Tarantino in Django Unchained einen verkörperten Europäer, um Django in die Freiheit zu führen – sowohl bei Djangos erster als auch bei seiner zweiten Flucht. Und damit ist der Film so etwas wie die B-Movie-Variante von Spielbergs Lincoln, der auf eine ganz ähnliche Weise das kollektive Handeln der Sklaven gegen ihre Versklaver ausblendet. Kein Wunder, dass Tarantino die Figur des einsamen Rächers Django wählt anstatt wie in Inglorious Basterds ein Kollektiv aus Rächern darzustellen.

Es sind genau diese Aspekte, die im feuilletonistischen Tarantino-Spektakel samt Holocaust-Vergleichen gerade untergehen. Wundern tut mich das nicht. Wer ernsthaft darüber streitet, ob man Kindern im Namen der “Werktreue” das deutsche N-Wort beibringen sollte, von dem darf man kein Verständnis von Geschichte erwarten, das über Reflexe, Phrasen und persönliche Eitelkeit hinausgeht.

Achso, unterhalten hat mich Django Unchained übrigens ganz gut. Trotzdem (oder gerade deshalb) – die nächsten Tarantinos schenke ich mir wieder.

PS: Man denkt nie für sich allein. Schlauer gibt’s einen ähnlichen Gedanken beim Jacobin Mag