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Was für ein Tag. Robert Gernhardt ist gestorben, draußen liegen sich die Menschen in den Armen. Gut, dass der Verstorbene sozusagen präletal noch die passenden Worte gefunden hat:

Fliegengedicht

In dieses Volk hineingeborn –
was hab ich in dem Volk verloren?

In diesem Volk, wo morgens die Getretenen
ihrem Spiegelbild schwören: Schluß mit dem
Stiefellecken, heute müssen Köpfe rollen

Schluß Schluß Schluß

In diesem Volk, wo mittags der Glanz der
frischgeleckten Stiefel all diejenigen blendet,
die sich die Visagen der Treter einprägen wollen

Glanz Glanz Glanz

In diesem Volk, wo abends die randvollen Gläser
die Angst der Köpfe der Getretenen vor dem
Rollen auslöschen sollen

Angst Angst Angst

In diesem Volk bin ich daheim.
So spricht die Fliege auf dem Leim.

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Meine Lieblingseigenschaft von Web 2.0 ist seine sprachliche Produktivität. Innerhalb der Folksonomy gibt einen long tail von Begriffen, die mir genausoviel Freude bereiten wie ein Schluck kühler Orangina. Nur Freedbacking finde ich ein wenig verwirrend. Dachte ich erst an einen taktischen Spielzug, später an eine Art von non-safe Sex und zu guter Letzt an das Ablegen von Kleidung, um den darunter liegenden Schwimmanzug zum Vorschein kommen zu lassen, erscheint mir seine letztendliche Bedeutung doch eher so, wie es das etwas unsensible compounding schon andeutet: wie Fanta.

Technorati:

del.icio.us:

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Dass ein wenig Pech auch durch fortgeschrittene Meditation über Ursache des Pechs nicht gelindert werden dürfte, für diese Einsicht hat Kathrin Passig immerhin den Bachmann-Bewerb gewinnen dürfen.

Trotz allem hat mir mein heutiges Zugverspätungsunglück zu interessanten Einsichten über die menschliche Bedingung verholfen. Zum einen habe ich gelernt, dass im Moment der tiefsten Verzweifelung über das Nichteinhalten des Fahrplanes aus allen Menschen plötzlich Brüder werden, vereint im Zorn auf den anonymen Feind Deutsche Bundesbahn.

Ok, das war gelogen, das wusste ich schon.

Aber wirklich neu war mir, dass ich einen Gesprächspartner älteren Kalibers mit einer Anekdote beeindrucken konnte, die mir eigentlich nur aufgrund ihrer Absurdität (alltagssprachlich dies, nicht im Theaterkritiker-zur-Weißglut-reizenden Sinne gemeint) im Gedächtnis geblieben ist:

“Und Cruyff, der Fußball-Genius, tigerte in der Nacht vor dem Finale qualmend auf und ab und erschien leichenblass zur Seitenwahl. “Er spielte lausig”, schreibt Kok. Eine Titelstory der Bild (“Cruyff, Sekt, nackte Mädchen und ein kühles Bad”) war Auslöser der Unpässlichkeit. Die Oranje-Stars hatten mit Groupies am Pool gefeiert. Nach dem Bericht musste der Spielmacher in langen Telefonaten seine Frau beruhigen. Michels witterte eine Kampagne deutscher Medien und sprach nurmehr Holländisch. “Krieg”, sagt Kok, sei damals eine Lieblingsvokabel des “Generals” gewesen.”

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I predict a Wyatt

So, jetzt mal Hand auf’s Herz. Trotz grundsätzlicher Sympathie meinerseits langweilt mich Culture Jamming meistens zu Tode. Egal ob jetzt Nike zu Riot wird, das Camel-Kamel an Lungenkrebs stirbt oder Benettons “True Colors”-Kampagne als verlogen darsteht, irgendwie bleibt ja doch immer das Gefühl zurück, dass einen die Culture Jammer für genauso dämlich halten wie die Werbefritzen. Aber mit Wyatting könnte ich mich durchaus anfreunden. Nicht weil ich es für besonders subversiv oder kulturkritisch oder sonst was halten sollte, sondern weil es wahrscheinlich unglaublich viel Spaß macht.

Man stelle sich folgendes vor: Anstatt in der Lieblingskneipe dem Geschmack der Bedienung ausgeliefert zu sein, investiert man ein paar Euro in die Jukebox anstatt in das obligatorische Musikfrustrationsbier und schon ist der Abend eine Spur unterhaltsamer. Einsame Herzen, die zu Arcade Fire dahinschmolzen, müssen Townes van Zandts “She came and She Touched Me” durchleiden, Nu-Metal Fanatiker bekommen das gesamte Oeuvre von Orthrelm auf die Kinnbärte und anstatt zu Bloc Party sähe man Indie-Ponys zu James Chance wackeln. Vorsprung durch Technik. Herrlich.

Jetzt muss ich nur noch rausfinden, was diese “infinite jukebox thingies” eigentlich sind und ob es sie auch mit Karaoke-Funktion gibt.

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