Miminalmoral?

Für gewöhnlich geht mir ja auf der Mitte eines Frustpostings die Luft aus, und ich entschließe mich, den Frust bei einem Bier, einer Session in Ableton Live oder der Lektüre von ein paar Max Goldt-Kolumnen beiseite zu legen, aber eine Geschichte vom Mittwoch will mir nicht aus dem Kopf gehen.

Eine Kommilitonin hatte an diesem besagten Mittwoch Prüfung, die sie auch wie zu erwarten war, mit der bravourösesten aller Noten verließ, und als ich sie danach beglückwünschen wollte, sah ich schon von weitem, dass dieser Besuch einen Preis haben würde. Am Tisch stand ein gemeinsamer Professor, der offensichtlich meinte, sich nach der Notenvergabe noch ein wenig Smalltalk erlauben zu können. Das kann ja auch ganz nett sein, schließlich war besagter Professor kurz zuvor in den USA gewesen, um dort einen Vortrag über den Romanisten Erich Auerbach zu halten. Dieser Auerbach ist vermutlich allen Literaturstudenten durch sein Werk “Mimesis” bekannt, das er 1946 im Istanbuler Exil verfasste.

Exil? Genau, Auerbach, der bis zum Berufsverbot für jüdische Hochschullehrer 1935 Professor an der Philipps-Universität Marburg gewesen war, verließ das Land aus den naheliegenden Gründen und starb schließlich 1957 in den USA. Sein Nachfolger in Marburg wurde übrigens Werner Krauss, der später für seine Widerstandstätigkeit, der Hinrichtung nur knapp entkommen, mehrere Jahre in NS-Gefängnissen verbringen sollte und dort den antifaschistischen Schlüsselroman “PLN” verfasste.

Diese Details im Hinterkopf lauschte ich also den Erzählungen aus den USA, lernte, dass die Menschen in den USA stark gegen den körperlichen Verfall ankämpften, der Jetlag anstrengend und der Vortragsraum äußerst angenehm eingerichtet gewesen sei. Gleiches gelte auch für die Reaktion der Zuhörer, nach dem Vortrag sei ein kleiner Jude namens Dave, man müsse nämlich wissen, dass es von diesen Leuten in bestimmten Kreisen ziemlich viele gäbe, zum Vortragenden gekommen und habe um Rat gefragt, wie man denn auch ein großer Denker werden könne. “2 Bücher bis 35” habe er geantwortet, meinte der Vortragende und mir ist bis jetzt noch nicht so wirklich klar, ob die Frage auf die Person Auerbachs oder Vortragenden gezielt hat, aber ich schweife ab. Folgendermaßen ging es dann nämlich weiter, denn schließlich sei Auerbach ja nicht der einzige Intellektuelle gewesen, der die USA zu seiner Zwangsheimat gemacht habe, Kracauer und Panofsky, zum Beispiel hätten beide in New York Halt gemacht. Dass auch Adorno bis 1941 in New York lebte, scheint der Marburger Professor nicht für erwähnenswert gehalten zu haben. Dies alles über mich ergehen lassend, schließlich war ich ja gekommen, um meiner Kommilitonin zur guten Note zu gratulieren, drifteten meine Gedanken langsam in angenehmere Gefilde ab, bis mich der Vortragsreisende wieder in die Gegenwart zurückholte und das äußerst unsanft. Ein Wissenschaftler in New York habe es folgendermaßen ausgedrückt: der Hitler schüttele am Baume und wir sammeln die Früchte ein. Schadenfroh lachte ich, das hatten die blöden Deutschen auch verdient, aber schon einige Momente später war ich mir der Angemessenheit meines Gelächters nicht mehr sicher. Was war denn mit Walter Benjamin, dem Freund von Auerbach, der auf der Flucht in Spanien ums Leben kam? Und was war eigentlich mit den “Früchten”, die das Pech hatten von den Nazis in die Waggons nach Auschwitz und Treblinka aufgesammelt zu werden? Und so fügte sich eins zum anderen, die Rede von den “zwölf schlimmen Jahren” in den Vorlesungen, die Bemerkungen über diese Leute, die sich in bestimmten Kreisen sammeln würden und so weiter und so fort. Was ich bisher nur aus Erzählungen Dritter kannte, wurde mir nun quasi auf dem Silbertablett serviert, keine besonders schöne Erfahrung, aber durchaus mitteilenswert.

Glücklich darüber, dass der Vortragsreisende nicht mein Prüfer ist und frustriert über soviel Ignoranz im fortgeschrittenen und durchaus belesenen Lebensalter ging ich wieder an meine Karteikarten, freute mich darauf, das Kapitel Marburg bald beenden zu können und verspüre seitdem den Drang, auch einmal einen Blogeintrag mit Adorno zu beenden:

“Die Behauptung, daß Hitler die deutsche Kultur zerstört habe, ich nichts weiter als ein Reklametrick derer, die sie von ihren Telefontischen aus wieder aufbauen wollen.”

Hm, das hat wirklich geholfen…

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s